Der Beamten- Wohnungsbauverein während der Nazi-Diktatur

Im Zuge der nationalsozialistischen „Machtergreifung" wird im Juni 1933 auch der Beamten-Wohnungsbauverein „gleichgeschaltet". Im Vergleich zu anderen Bauvereinen kommt es jedoch hier nicht zu einer kompletten Neubesetzung der Organe. Das Solinger Tageblatt schreibt am 15.6.1933: „Der Beamten-Wohnungsbauverein hielt am 13. Juni eine außerordentliche Generalversammlung ab, in der die Gleichschaltung vorgenommen wurde, Für den erkrankten 1. Vorsitzenden, Beigeordneten Schmidhäußler, leitete sein Stellvertreter, Stadtverordneter Nickau, die etwa zehn Minuten dauernde Versammlung." Wichtigstes Ergebnis der Versammlung ist danach die Verkleinerung von Vorstand und Aufsichtsrat auf drei beziehungsweise neun Mitglieder Unter dem Vorsitz des Beigeordneten Hermann Schmidhäußler bilden der NSDAP-Stadtverordnete Hermann Nickau, der Lehrer Willi Leven, ein Herr Löhr, der Eisenbahnsekretär Richard Koch, der Finanz-Oberinspektor Schäfer, der Katasterinspektor Ernst Flamme und der Stadtsekretär Heinrich Röhrig den neuen Aufsichtsrat. Da der Aufsichtsratsvorsitzende Schmidhäußler von den Nationalsozialisten aus seinem städtischen Amt vertrieben wird und in seine württembergische Heimat flieht, steht er dem Verein allerdings nicht mehr zur Verfügung. Im Vorstand ergeben sich durch Gleichschaltung zunächst keine Veränderungen. Auf der Versammlung werden die bisherigen Vorstandsmitglieder Oberpostsekretär Hermann Huckenbeck, Postinspektor Otto Hombach und Reichsbahninspektor Adam Leidich neu bestellt. Mitte der 30er Jahre gelangen dann mit dem Kaufmann Ewald Hochholz und dem Stadtbaumeister Wilhelm Hütsch zwei für die weitere Zukunft des Vereins maßgebliche Persönlichkeiten in den Vorstand.
Im Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit des Vereins steht in den ersten Jahren der Diktatur die wirtschaftliche Konsolidierung des Bauvereins. Zahlreiche Genossen werden aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen, 1935 allein 109 Personen. Der Vorgang, in den Gescbäftsberichten ganz im Stil der Zeit „Bereinigung" oder „Reinemachen" genannt, gilt bis 1936 als abgeschlossen. Spätestens seit Mitte der 30er Jahre gehören dem Verein auch Arbeiter und Angestellte an, wie eine im Geschäftsbericht 1937 enthaltene Aufstellung beweist.
Nach langjähriger Pause kann der Beamten-Wohnungsbauverein 1936 endlich die Neubautätigkeit wieder aufnehmen. An der Emmastraße 5-7 in Höhscheid entstehen acht sogenannte Volkswohnungen zu je zwei Zimmern, während zeitgleich an der Germanenstraße 15-17 vier größere Wohnungen gebaut werden. Die Finanzierung wird durch eine Hypothek der Bodenkredit-Bank in Köln gewährleistet. Am östlichen Stadtrand entstehen von 1937 auf 1938 dann zwei weitere Häuser an der Schaberger Straße 19-21 sowie vier Häuser an der Theegartener Straße 9-15. Das von dem Architekten Hepp an der Scheidter Str. 37-39 geplante Doppelhaus wird schließlich 1938 begonnen und 1939 fertiggestellt. Jeder weiteren Planung entzieht dann 1939 der Weltkrieg den Boden. Insgesamt weisen die in der Zeit des Nationalsozialismus gebauten Häuser zahlreiche Mängel auf. Müller erwähnt in seiner Darstellung Rohrleitungen aus Eisen und Dachrinnen aus verzinktem Eisenblech. Der Wohnstandard sinkt deutlich, beispielsweise verfügen nicht mehr alle der meist sehr kleinen Wohnungen über ein eigenes Bad. In einer Beziehung bleibt die Genossenschaft sich jedoch treu, auch während des „Dritten Reiches" werden keine Erwerbshäuser erstellt.
Politisch erweist sich die Genossenschaft unter der Diktatur zunächst als regimekonform. Die Versammlungen werden nun‚ wie anderswo auch, mit einem dreifachen "Sieg Heil" auf Führer, Volk und Vaterland beschlossen, in den Geschäftsberichten werden der neuen Staats- und Parteiführung die üblichen Reverenzen erwiesen. Zum 25jährigen Jubiläum besuchen die Mitglieder der Verwaltungsorgane 1937 zusammen mit den noch lebenden Vereinsgründern die Ausstellung „Schaffendes Volk" in Düsseldorf. Die wohl schwärzeste Stunde der Vereinsgeschichte aber schlägt am Abend des 29. April 1939. Lapidar heißt es im Protokollbuch: „Weiterhin stimmte die Versammlung auch einer Satzungsänderung zu, wonach Juden die Mitgliedschaft in der Genossenschaft nicht erwerben können."
In einem entscheidenden Punkt aber kommt es gegen Ende der 30er Jahre mit dem Regime zum Dissens. Im Zuge der allgemeinen Politik gegenüber der Genossenschaftsbewegung wird nun auch in Solingen die Zwangsverschmelzung der Baugenossenschaften energisch betrieben. Der Beamten-Wohnungsbauverein muß befürchten, nach einer Verschmelzung mit dem Spar- und Bauverein Solingen größenmäßig vollständig unterzugehen und jeglichen Einfluß auf die weitere Geschäftspolitik zu verlieren. Es geht um nichts weniger als die eigene Identität. Von 1940 an setzt der Beamten-Wohnungsbauverein jeder weiteren Maßnahme in Richtung Verschmelzung mit dem Spar- und Bauverein Solingen energischen Widerstand entgegen. In den Generalversammlungen spricht man sich gegenseitig Mut zu und bekräftigt den eigenen Durchhaltewillen. Im Protokollbuch heißt es über die Versammlung vom April 1941: „Sodann meldete sich ein Genossenschaftler zu Wort. Er führte u.a. aus, dass die Stadtverwaltung Solingen ihre Anteile in Höhe von RM 33.000,- wohl aus dem Grunde gekündigt hätte, um die Verwaltungsorgane unter Druck zu setzen, um der Verschmelzung der Solinger Bauvereine vor Befragung der Mitglieder zuzustimmen. Er dankte dem Vorstand und Aufsichtsrat für das mannhafte Verhalten und bat, auch in Zukunft recht stark und mannhaft zu bleiben. Diese Ausführungen wurden von der Versammlung durch lautes ‘Bravorufen‘ begrüßt. Die Stadt Solingen wird dem Beamten-Wohnungsbauverein im übrigen erst 1979 wieder beitreten. In der Generalversammlung vom April 1943 muß der Aufsichtsratsvorsitzende, Amtsgerichtsrat Wilhelm Esser, die Aberkennung der Gemeinnützigkeit durch die Landesregierung vermelden. Vorstand und Aufsichtsrat werden jedoch von den Mitgliedern erneut in ihrer ablehnenden Haltung bekräftigt. Im April 1944 wird von den über hundert Teilnehmern der Generalversammlung schließlich eine einstimmige Erklärung verabschiedet: „Generalversammlung ist grundsätzlich mit der Zusammenlegung unserer Genossenschaft mit einem gesunden, etwa gleichgroßen Wohnungsunternehmen unter der Voraussetzung einverstanden, dass die Ablehnung der Gemeinnützigkeit rückgängig gemacht und die Gemeinnützigkeit auch dem vereinigten Wohnungsunternehmen zuerkannt wird. Eine Zusammenlegung mit der Gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft e.G.m.b.H. (früherer Spar- und Bauverein) in Solingen wird abgelehnt." Man ist sich sicher, bei der günstigen Vermögenslage des Vereins auch weiterhin 15.000 RM an jährlicher Steuerschuld tragen zu können. Gegen die Aberkennung der Gemeinnützigkeit hat man zusätzlich Beschwerde beim Bezirksverwaltungsgericht in Düsseldorf eingereicht. Letztendlich erweist sich die gewählte Strategie als erfolgreich. Da auch der Walder Spar- und Bauverein entschieden auf seiner weiteren Eigenständigkeit beharrt, wird die drohende Zwangsverschmelzung der Genossenschaften bis zum Kriegsende verschleppt.
Im Vergleich zu anderen Genossenschaften wird der Beamten-Wohnungsbauverein von den verheerenden Zerstörungen der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges nur mittelschwer betroffen. Beim Luftangriff vom 4. und 5. November 1944 werden einige Häuser der Genossenschaft zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen. Der eingetretene Schaden bewegt sich nach einer Bestandsaufnahme des Vereins aus dem Jahre 1947 auf einer Höhe von 549.000,- RM. Der letzte erhaltene Jahresabschluß weist 1942 einen Stand von 781 Mitgliedern mit 1.511 Geschäftsanteilen aus. Zu diesem Zeitpunkt besitzt der Beamten-Wohnungsbauverein 148 Häuser mit 428 Wohnungen.


Alle Texte zu unserer Geschichte wurden dem Buch
„Gemeinsam Bauen und Wohnen", 100 Jahre Solinger Wohnungsbaugenossenschaften entnommen.
Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Manfred Krause / Solinger Geschichtswerkstatt e.V.,
Hermann-Löns-Weg 102, 42697 Solingen,
Tel. 0212 – 224 21 12
Das Buch – ISBN 3-9805443-1-1 – ist im Buchhandel oder direkt von der Solinger
Geschichtswerkstatt zu beziehen.

 
     
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